SIBO und Reizdarm
Millionen Menschen leiden unter dem Reizdarmsyndrom, kurz RDS. Blähungen nach dem Essen, Bauchschmerzen, Verstopfung oder Durchfall – oft über Jahre hinweg, ohne erkennbare Ursache. Das Reizdarmsyndrom ist eine Ausschlussdiagnose. Das bedeutet, wenn man keine andere Ursache findet, spricht man von einerm Reizdarmsyndrom. In den den letzten Jahren hat die Forschung viele neue Erkenntnisse gewonnen. Eine davon: Bei einem nicht unwesentlichen Teil der Patienten mit einem Reizdarmsyndrom steckt eine baktererielle Fehlbesiedlung des Dünndarms (SIBO) hinter den Beschwerden.
In der Praxis ist es also keine Seltenheit, dass der SIBO-Test bei Reizdarm-Patienten anschlägt. Behandelt man anschließend die SIBO, können sich die Beschwerden erheblich verbessern oder sogar komplett verschwinden. Auch häufig assoziierte Erkrankungen, die gehäuft auftreten, wenn man eine SIBO hat, bessern sich. Zum Beispiel eine interstitielle Zystitis, also eine chronische Entzündung der Blase.
Was ist das Reizdarmsyndrom?
Das Reizdarmsyndrom ist eine der häufigsten Erkrankungen des Verdauungstrakts weltweit. Schätzungsweise 11 bis 14 Prozent der Bevölkerung sind betroffen, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Trotz dieser Verbreitung gilt RDS offiziell als Ausschlussdiagnose: Sie wird gestellt, wenn alle anderen organischen Ursachen ausgeschlossen wurden und die Beschwerden seit mindestens sechs Monaten bestehen.
Nach den sogenannten Rom-IV-Kriterien liegt ein Reizdarmsyndrom vor, wenn wiederkehrende Bauchschmerzen an mindestens einem Tag pro Woche auftreten und mit mindestens zwei der folgenden Merkmale verbunden sind: Zusammenhang mit dem Stuhlgang, Veränderung der Stuhlfrequenz oder Veränderung der Stuhlkonsistenz.
Typische Symptome des Reizdarmsyndroms
Das Beschwerdebild ist vielfältig und individuell verschieden. Die häufigsten Symptome sind:
- Bauchschmerzen und Krämpfe, oft krampfartig und dumpf, die sich durch Stuhlgang vorübergehend bessern können.
- Blähungen und Völlegefühl, besonders nach dem Essen, gehören zu den fast universellen Beschwerden.
- Veränderte Stuhlgewohnheiten umfassen Durchfall, Verstopfung oder beides im Wechsel.
- Hinzu kommen häufig Symptome wie Übelkeit, vermehrtes Aufstoßen und das Gefühl einer unvollständigen Darmentleerung.
Auffällig ist, dass über 90 Prozent der RDS-Patienten über Blähungen berichten, unabhängig davon, ob sie eher unter Verstopfung oder Durchfall leiden.
Viele Patienten berichten darüber hinaus über Beschwerden, die über den Darm hinausgehen: chronische Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, Muskelschmerzen und ein allgemeines Krankheitsgefühl. Diese Symptome werden oft als eigenständige Begleiterkrankungen behandelt, können aber Teil desselben zugrunde liegenden Problems sein.
Ein Reizdarmysmptom ist vom Beschwerdebild nicht von einer SIBO zu unterscheiden.
Die vier Typen des Reizdarmsyndroms
Das Reizdarmsyndrom wird nach dem vorherrschenden Stuhlmuster in vier Subtypen eingeteilt:
RDS-D (Diarrhoe-Typ): Betroffene leiden hauptsächlich unter häufigem, weichem oder wässrigem Stuhlgang. Krämpfe und plötzlicher Stuhldrang sind typisch. Dieser Typ ist mit einer überwiegend wasserstoffproduzierenden Bakterienüberwucherung im Dünndarm assoziiert (Wasserstoff-SIBO).
RDS-C (Obstipations-Typ): Im Vordergrund steht Verstopfung, also seltener und erschwerter Stuhlgang, oft verbunden mit hartem Stuhl und dem Gefühl unvollständiger Entleerung. Dieser Typ hängt eng mit einer besonderen Form der SIBO zusammen, der sogenannten Methan-SIBO oder inzwischen als IMO (Methan-SIBO) bezeichnet. Methanproduzierende Mikroorganismen verlangsamen die Darmbewegung aktiv und senken den Serotoninspiegel, der für den normalen Weitertransport des Darminhalts unverzichtbar ist. Studien zeigen, dass Methan im Atemtest nahezu ausschließlich bei Patienten mit dem Obstipations-Typ nachgewiesen wird.
RDS-M (Mischtyp): Verstopfung und Durchfall wechseln sich ab, was für Betroffene besonders belastend ist, da das Beschwerdebild schwer vorhersehbar ist.
RDS-U (unklassifizierbarer Typ): Die Symptome lassen sich keinem der drei anderen Muster klar zuordnen.
Was ist SIBO?
Im gesunden Darm ist die Bakterienverteilung streng geregelt. Der Dünndarm enthält vergleichsweise wenige Mikroorganismen, die große Bakterienmasse siedelt im Dickdarm. Bei SIBO verschiebt sich dieses Gleichgewicht: Bakterien breiten sich in den Dünndarm aus, wo sie Nahrungsbestandteile vergären, noch bevor diese richtig verdaut werden können. Dabei entstehen Gase, vor allem Wasserstoff und Methan, die Blähungen, Völlegefühl und Schmerzen verursachen.
Typische Symptome bei SIBO
Die Symptome einer SIBO überschneiden sich stark mit denen des Reizdarmsyndroms. Das ist kein Zufall, denn bei 60 bis 84 Prozent der RDS-Patienten ist SIBO die eigentliche Ursache. Im Einzelnen zählen dazu:
Starke Blähungen und sichtbare Gasbildung unmittelbar nach dem Essen sind oft das erste und auffälligste Zeichen. Bauchschmerzen und Krämpfe, Durchfall oder Verstopfung je nach Art der beteiligten Bakterien, Übelkeit und Aufstoßen. Viele Betroffene berichten außerdem über Nährstoffmängel, weil die fehlbesiedelnden Bakterien wichtige Nährstoffe im Dünndarm abfangen, bevor der Körper sie aufnehmen kann. Betroffen sind häufig Vitamin B12, Eisen und fettlösliche Vitamine. Chronische Erschöpfung und sogenannter „Brain Fog“, also Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, sind ebenfalls häufige Begleiterscheinungen, die viele Betroffene stark belasten. Daran sieht man, wie ähnlich die Symptome sind. Wer also einen Reizdarm hat, sollte immer auch eine SIBO abklären lassen.
Zusammenhang zwischen SIBO und Reizdarm
Lange galt das Reizdarmsyndrom als Erkrankung ohne klare Ursache. Inzwischen zeigen Studien, dass bis zu 84 Prozent der RDS-Patienten im Laktuloseatemtest auffällige Werte aufweisen. Zum Vergleich: Bei gesunden Menschen liegt dieser Anteil bei rund 20 Prozent.
Besonders aufschlussreich ist die Reaktion auf eine Behandlung. Wenn SIBO mit Antibiotika erfolgreich behandelt wird, verbessern sich bei bis zu 75 Prozent der Patienten die typischen RDS-Symptome deutlich. Ein Teil der Betroffenen erfüllt danach nicht einmal mehr die klinischen Kriterien für ein Reizdarmsyndrom.
Das erklärt auch, warum allein eine symptomorientierte Behandlung für viele Patienten unbefriedigend bleibt: Wer nur gegen Blähungen oder Verstopfung vorgeht, ohne die bakterielle Ursache zu behandeln, bekämpft lediglich die Folgen.
SIBO kann den ganzen Körper betreffen
SIBO hat Auswirkungen weit über den Darm hinaus. Bakterien, die die Darmschleimhaut überwinden, aktivieren das Immunsystem und lösen eine stille Entzündungsreaktion aus. Diese beeinflusst das Nervensystem, verändert die Schmerzwahrnehmung und stört die sogenannte Darm-Hirn-Achse. So lassen sich viele Beschwerden erklären, die auf den ersten Blick nichts mit dem Darm zu tun haben.
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die Fibromyalgie. In einer Studie wiesen sämtliche untersuchten Fibromyalgie-Patienten einen pathologischen Atemtest auf. Die Immunreaktion auf Darmbakterien könnte erklären, warum diese Überempfindlichkeit nicht nur im Bauch, sondern im gesamten Körper spürbar ist. Ähnliche Zusammenhänge werden auch für das chronische Erschöpfungssyndrom und die interstitielle Zystitis (Blasenentzündung) diskutiert.
Diagnose
Der Laktuloseatemtes (SIBO-Atemtest) gilt als praktikabelste Methode zur Diagnose einer SIBO. Dabei wird nach der Einnahme einer Zuckerlösung gemessen, wie viel Wasserstoff oder Methan ausgeatmet wird. Ein früher oder erhöhter Anstieg dieser Gase deutet auf eine Fehlbesiedlung im Dünndarm hin. Der Test ist nicht perfekt, bleibt aber aktuell die zugänglichste und aussagekräftigste Methode. Eine Form der SIBO lässt sich aktuell (in Deutschland) nicht mit dem Atemgastest feststellen, die Schwefelwasserstoff-SIBO. Bei Verdacht auf eine Schwefelwasserstoff-SIBO kann eine Mikrobiom-Analyse sinnvoll sein.
Was bedeutet das für Betroffene mit der Diagnose Reizdarm?
Wer seit Jahren mit einem „Reizdarm“ lebt, ohne befriedigende Erklärung oder wirksame Therapie, sollte SIBO als mögliche Ursache in Betracht ziehen. Besonders wenn die Beschwerden nach einer Magen-Darm-Infektion begonnen haben, wenn Blähungen das dominante Symptom sind, oder wenn die Verstopfung auf herkömmliche Maßnahmen kaum anspricht, lohnt sich eine gezielte Abklärung. Der Weg zu einer ursachenorientierten Behandlung beginnt mit der richtigen Frage: Warum hat der Darm dieses Problem – und woher kommen die Bakterien?